Aktuelles / Notizen

20.01.2026

Rassismus in der Schweiz


Angélique Beldner bei der Seniorenuniversität Schaffhausen

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Angélique Beldner über Rassismus 

Angélique Beldner, die bekannte Journalistin und Moderatorin beim Schweizer Radio und Fernsehen SRF, war zu Gast an der Seniorenuniversität Schaffhausen. 

«Rassismus in der Schweiz früher und heute» war der Titel ihres packenden Referats, das gleichzeitig auch eine Lesung aus ihrem vor rund einem halben Jahr erschienenen Buch «Rassismus im Rückspiegel» war. Man kennt die fröhlich-positive und kompetente Bernerin vor allem als langjährige Tagesschausprecherin und Moderatorin der beliebten Montagabend-Quizshow „1 gegen 100“. 

Rassismus wurde in der Schweiz lange als etwas verstanden, das die Schweiz kaum betrifft. Später setzte man ihn mit Fremdenfeindlichkeit gleich. In ihrem aktuellen Buch über Rassismus in der Schweiz zeigt die Autorin anhand ihrer eigenen Lebensgeschichte, wie sich die Schweiz im Umgang mit Rassismus seit den 1970er-Jahren verändert hat: Von den «Überfremdungsinitiativen» bis Black Lives Matter folgen wir so der Geschichte eines langsamen Erwachsens nicht nur der Schweizer Gesellschaft, sondern auch der Autorin selbst. 

So erzählte Angélique Beldner von ihren Heldenbüchern der Jugend wie bspw. Jim Knopf und der Lokomotivführer, vom Kasperlitheater, wo das kleine N…mädchen Susu als lockiges, putziges Kind dargestellt wird. Viele Bücher dieser Zeit enthielten stereotypen Rassismus. Die Autorin sagte, dass sie damals gar nicht so aussehen wollte als Kind. In den Märchen wie z.B. bei den Gebrüdern Grimm begegneten ihr nämlich stets blond gelockte weisse Mädchen. Alle Moderatorinnen und Moderatoren am Fernsehen waren weisser Hautfarbe, auch die in der Sendung Aktenzeichen XY, die sie dann und wann schauen durfte. Nur dort waren die gejagten Verbrecher manchmal schwarzer Hautfarbe. 

Angélique Beldner erzählte offen, ergriffen und greifbar von ihren eigenen Erlebnissen. Die Menschen, die ihr ungeniert in die Haare fassten. Die gut gemeinten Ratschläge, sich anzupassen. Das kleine Mädchen, das sie fragte, wenn sie denn wieder „heimreise“. Rassismus hat viele Gesichter. Angélique Beldner begegnete ihnen im Lauf ihres Lebens immer wieder: bei der Jobsuche, beim Arztbesuch, auf offener Strasse, in der Familie und bei Unbekannten. Als Angélique Beldner 1976 geboren wird, können sich viele Menschen nicht vorstellen, dass Rassismus auch in der Schweiz existiert. Für sie ist Rassismus das, was der Kolonialismus angerichtet hat oder was Schwarze Menschen in Südafrika während der Apartheid erleben. Doch er ist da, und Betroffene spüren ihn täglich in unterschiedlichsten Formen. 

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Die Referentin und Buchautorin nahm die Zuhörerschaft auf eine spannende Reise durch die 70er, 80er und 90er Jahre bis ins neue Jahrtausend und zeigte die verschiedenen Aspekte von offenem und auch verstecktem Rassismus auf. Die Anderen waren zuerst die Italiener, dann die Menschen aus dem Balkan, dann die Tamilen usw. „Das Boot wurde voller. Es kamen immer mehr dazu. Es waren aber plötzlich auch Andere als die Anderen. Man nannte sie Asylanten.“

Diese Menschen, Familien mit Kindern, waren auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung und suchten bei uns Schutz. Eine Mehrheit nahm sie positiv auf. Eine laute Minderheit lehnte sie aber ab. 

Immer wieder kam Angélique Beldner auf die Kernfrage, was denn eigentlich Rassismus genau ist. Eine klipp und klare Definition fehlt hier, vieles ist versteckt, fliessend, verborgen und verschiedenartig in der Ausgestaltung. Immer aber habe Rassismus mit Hierarchie zu tun - also mit dem Gedanken, dass die einen Menschen mehr wert sind als die anderen. Hier gehe es um eine hierarchisierende Denkweise. Es gibt nämlich gar keine Rassen bei den Menschen. Dies war und ist ein Konstrukt, um Kolonialismus, Apartheid und weitere menschenverachtenden Strömungen zu legitimieren. Die Schweiz hat keine koloniale Vergangenheit und trotzdem sind Spuren davon bei uns sichtbar.  

Und wie steht es um den Rassismus in der Schweiz? Dazu hat die Referentin eine bekannte Aussage von Aladin El-Mafaalani zum Thema Rassismus und gesellschaftlicher Entwicklung zitiert, die sinngemäss so lautet:  „Wir sind zwar noch nicht so weit, wie wir sein könnten, und sind aber dennoch schon ziemlich weiter, als wir denken, indem wir darüber sprechen.“ 

Angélique Beldner hat einem sehr aufmerksamen Publikum im Schaffhauser Pavillon im Park die Hand zum Dialog und zum Zuhören gereicht, die dieses offen und sehr interessiert / konzentriert annahm. Es hilft viel, wenn jede / jeder von uns selbstkritisch und reflektiert in den Spiegel schaut und sich selber fragt, was man gegen Rassismus tun kann und wie man es eigentlich selber hält mit dem „Anderssein“. Wie so oft im Leben sollte man immer bei sich selber anfangen.  

Und darum mein persönlicher Tipp zum Abschluss: Zeige mal mit dem Zeigefinger auf einen anderen Menschen. Du wirst dabei feststellen, dass dabei immer drei Finger deiner Hand auf dich selber zeigen!

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