Aktuelles / Notizen
Andrin Winteler und Eiszeit

Andrin Winteler (*1986) ist Preisträger des Manor Kunstpreises Schaffhausen 2025. Für seine erste institutionelle Einzelausstellung «Floating Point» hat er neue Arbeiten entwickelt: In Film, immersiven Installationen und Fotografie verfremdet er alltägliche Motive und Objekte und erkundet die Übergänge zwischen Erinnerung, Traum und Wirklichkeit.
Vertrautes wird ambivalent, Spielerisches erhält eine beunruhigende Note. Seine Kunst ist rätselhaft und poetisch zugleich - sie fordert heraus, über das Verhältnis von subjektiver Wahrnehmung, Zeit und Welt nachzudenken. Andrin Winteler wuchs in Schaffhausen auf und lebt heute in Zürich.
Der Manor Kunstpreis ist einer der wichtigsten Förderpreise des zeitgenössischen Kunstschaffens in der Schweiz. Er wurde 1982 ins Leben gerufen, um jungen Kunstschaffenden eine Plattform zu bieten und wird von einer Fachjury jährlich in sechs Schweizer Städten verliehen. Der Förderpreis hat bereits eine ganze Reihe von Künstlerinnen und Künstlern auf ihrem Weg zum internationalen Durchbruch begleitet.

Megaball, 2025
Im Video Megaball rollt ein grosser roter Ball traumverloren durch ein Heckenlabyrinth. Wie von Geisterhand gleitet er über satte Grasflächen, streift Nadelspitzen und erfährt dabei mal mehr, mal weniger Widerstand. Die Inspiration zum Video fand Andrin Winteler in einem Fiebertraum, den er als Kind hatte: «Ich träumte, dass alle Gegenstände die ich anfasste - auch Wände und runde Dinge - sehr scharfkantig waren. Ich verbinde den roten Ball und die Hecken mit diesem Traum. Dabei stelle ich mir vor, dass ich der Ball bin und an den kantigen Hecken vorbeistreiche.»* Oben an der Wand platziert, leuchtet der rote Ball sonnengleich auf dem riesigen LED-Screen. Der Screen, der für gewöhnlich der Darstellung dient, taucht den Ausstellungsraum in ein Lichtgemisch aus Rot und Grün und wird so zu einem prägenden Element der gesamten Raumatmosphäre.
*Das Zitat stammt aus einem Interview mit Andrin Winteler, geführt von Julian Denzler. Es erscheint in der Begleitpublikation zur Ausstellung.

Sun Set, 2025
Die raumhohe Installation Sun Set besteht aus 12 Laufbändern, die in strenger Formation an Aluminiumträgern montiert sind. Sie sind mit fotografischen Ausschnitten eines Sonnenuntergangs bespannt. Die Geräte sind so modifiziert, dass durch die Bewegung ein permanentes visuelles und akustisches Rauschen entsteht.
Die Bildfragmente lassen sich nicht vollständig zusammensetzen und das Geräusch erinnert eher an eine Rennbahn denn an beruhigendes Meeresrauschen. Gemacht für die Bewegung zuhause, offenbart sich das Laufband als auswegloses Zeichen der Selbstoptimierung.
Die Natur läuft nur noch auf Band, der magische Moment der untergehenden Sonne gerät in den Dauerloop von Reizüberflutung und Alltagsstress.

Near Mint, 2025
Auch in der Fotoserie Near Mint sind die Motive kaum fassbar. Die Naturaufnahmen verschwinden hinter einer ornamentalen Bildebene, die Andrin Winteler mittels Lasercutter im Negativ erzeugt hat. Der Eingriff ist durchaus brachial, das Original wird dabei unwiderbringlich zerstört. Dort, wo Information fehlt, entsteht jedoch ein neues Bild.
Unsere Erinnerungen funktionieren ähnlich: Sie werden vom Gehirn jedes Mal neu zusammengesetzt, dabei gehen Teile verloren. Die Leerstellen werden mit neuen Bildern gefüllt, was dazu führt, dass sich Erinnerungen im Laufe der Zeit verändern. Der Titel Near Mint referiert auf einen Ausdruck im Zusammenhang mit Sammelobjekten wie Schallplatten oder Spielkarten. Es beschreibt den Zustand eines Objekts, das minimale Gebrauchsspuren aufweist, als «nahezu makellos».
Be to Be, 2025
Im Video Be to Be, ausgestellt im Kabinett, kommt ein Slinky - ein beliebtes Spielzeug aus einer gewundenen Drahtspirale - nicht vom Fleck. Im Stechschritt marschiert der sogenannte Treppenläufer an Ort und Stelle, strauchelt, fängt sich, klimpert weiter, was anstrengend und zugleich seltsam rührend wirkt. Der Titel der Arbeit lässt sich mehrdeutig übersetzen: «B2B», eine Abkürzung für «Business to Business», ist einerseits ein Ausdruck aus der Wirtschaft, wenn Unternehmen mit Unternehmen Geschäfte machen. Andererseits bedeutet er «Sein um zu sein», also Leben als Selbstzweck, ohne den Druck zu produzieren oder etwas zu erreichen. Der Titel wirft also Sinnfragen auf: Wozu all diese Bewegung und was ist das Ziel?

Lehrreiche und spannende Ausstellung im Museum zu Allerheiligen ❄️EISZEIT - Leben vor 17’000 Jahren mit einer kompetenten, packenden und witzigen Führung von Florian Ter-Nedden, M.A., Kurator regionale Archäologie. DANKE!
Als die Gletscher der letzten Eiszeit abschmelzen, kehren die Menschen zurück in die Region Schaffhausen. Sie treffen sich hier im Frühling zur Rentierjagd. Aus Feuerstein und Geweih stellen sie Werkzeuge und Waffen her. Von ihren Mahlzeiten bleiben die Knochen liegen. Dank dieser Funde können wir uns ein Bild von ihrem Leben und ihrer Umwelt machen.
Aber nicht nur Werkzeuge und Essensreste zeugen vom Leben der Menschen hier:
Als die Kesslerlochhöhle in Thayngen vor 151 Jahren ausgegraben wird, ist es eine Sensation. Es kommen verblüffende Kunstwerke zum Vorschein. Die dargestellten Tiere sind so lebensecht, als seien sie gerade erst gezeichnet und geschnitzt worden. Wer sind diese Künstler, die so gar nicht dem Klischee des Höhlenmenschen entsprechen? Wie ernähren und kleiden sie sich? Wie leben sie zusammen?
Viele der Vorstellungen und Vorurteile, die wir mit dieser Epoche verbinden, werden den Menschen der Eiszeit nicht gerecht. Sie sind geschickt, erfinderisch und passen ihr Leben den rauen Bedingungen ihrer Umwelt an. Die sehenswerte und kinderfreundliche Ausstellung lädt ein, in das Leben vor 17 000 Jahren einzutauchen und den Spuren von Menschen zu begegnen, die uns ähnlicher sind, als man denkt.
Die Jägerinnen und Jäger nutzen Höhlen wie das Kesslerloch in Thayngen und Felsvorsprünge wie beim Schweizersbild in Schaffhausen.
Doch in erster Linie leben sie in Zelten. Sie müssen mobil sein, um den Beutetieren folgen zu können. Ihr ganzer Besitz kann leicht verpackt und transportiert werden.
Weil Brennmaterial in der Steppe knapp ist, werden die Feuerstellen mit Steinen überdeckt, um die Glut vor der Witterung zu schützen und die Wärme möglichst lange zu speichern.
Von den Zelten ist heute nichts mehr erhalten. Nur die Verteilung grosser Steine, die einst die Zeltwände beschwerten, verrät an wenigen Fundstellen die damalige Form und Grösse der Behausungen. Auch die Rekonstruktion von Schlafsäcken, Wasserbeuteln, Holzgestellen, Speerschäften und vielem mehr ist spekulativ. Die Experimentelle Archäologie zeigt durch Nachbau und Ausprobieren der Ausrüstung, was funktioniert haben könnte und was eher nicht.
Auch die ersten Hunde wurden in der Region Schaffhausen nachgewiesen: Der Oberkieferknochen aus Thayngen - Kesslerloch ist einer der weltweit ältesten Beweise der Existenz von Haushunden. Er stammt von einem Hund, der vor etwa 14'500 Jahren lebte. Anhand der engen Zahnstellung wegen der kürzeren Schnauze unterscheidet er sich deutlich vom Kiefer seines Vorfahren, des Wolfs. Vermutlich spielen Hunde damals bei der Treibjagd eine wichtige Rolle. Die Zusammenarbeit von Hund und Mensch bei der Jagd könnte einer der Gründe sein, warum der Wolf gezähmt und zum ersten Haustier gezüchtet wird.
