Aktuelles / Notizen
Hermann Hesse und die Höri
HERMANN HESSES JAHRE AUF DER HÖRI IN GAIENHOFEN

"Gaienhofen ist ein ganz kleines schönes Dörflein hat keine Eisenbahn, keine Kaufläden, keine Industrie. Dafür gibt es Stille, Luft und Wasser gut, schönes Vieh, Jamoses Obst, brave Leute. Ich bewohne ein gemietetes Bauernhäuschen, für das ich jährlich 150 Mark Miete bezahle. Es lebe Peter Camenzind! Ohne den hätte ich nicht heiraten und nicht hierherziehen können. Er hat mir 2500.-Mark eingebracht, davon kann ich zwei Jahre leben, wenigstens wenn ich hierbleibe."
Hermann Hesse, 1904
SESSHAFT AUF ZEIT
Als Hermann Hesse nach Gaienhofen kam, war er 27 Jahre alt. Bislang hatte er an neun verschiedenen Orten ein eher unstetes Leben geführt. Nach seiner Flucht aus der berühmten Maubronner Klosterschule fand er nur mühsam an die Ränder des bürgerlichen Lebens zurück. Mit dem »Gaienhofener Umweg", wie er seine Jahre am Bodensee später nannte, war die Hoffnung auf Stabilität und Beheimatung verbunden: Hier begann »die Zeit meines Lebens, in der ich nicht mehr zufällige und oft gewechselte Zimmer, sondern Häuser bewohnte«. Doch auch von hier ist er immer wieder ›geflohen: »Im vergangenen Jahr«, schrieb Hesse 1910, »war ich sechs Monate auf Reisen, im vorhergehenden fünf Monate, und eigentlich ist das für einen Familienvater, Landmann und Gärtner ziemlich reichlich«.
Letztendlich ›entfloh‹ er sogar Richtung Indien. Als er die Höri 1912 für immer verliess, zog er in die Schweiz und lebte nach sieben Berner Jahren bis zu seinem Tod 1962 in Montagnola im Tessin. »Die Landschaft des Untersees«, hiess es zum Abschied, »wird mir zeitlebens fehlen, es sprechen an wenigen Orten so stark wie hier zu jedem Fenster herein See und Wald, Himmel und Wiese zu mir.«

Biografie Hermann Hesse aus dem HESSE MUSEUM GAIENHOFEN
1877 Hermann Hesse am 2.7. in Calw geboren als 2. Kind von Johannes und Marie Hesse, geb. Gundert - 1881 Umzug der Familie nach Basel - 1886 Rückzug nach Calw und Besuch des Gymnasiums (bis 1890) - 1891-95 Stationen in Göppingen (Lateinschule zur Vorbereitung auf das Landexamen), Maulbronn (Evangelisches Seminar), Bad Boll (Kur- u. Heilanstalt), Stetten i.R. (Nervenheilanstalt), Cannstatt (Gymnasium), Esslingen (Buchhändlerlehre) und Calw (Praktikum Turmuhrenfabrik) - 1895-98 Buchhändlerlehre in Tübingen - 1898 Romantische Lieder - 1899 Eine Stunde hinter Mitternacht - 1899-1903 Buchhändler in Basel - 1901 Hinterlassene Schriften und Gedichte von Hermann Lauscher - 1902 Tod der Mutter; Bekanntschaft mit Maria Bernoulli, Heirat am 2.8.1904 - 1904 Peter Camenzind - 1904-12 Ab Ende August in Gaienhofen als freier Schriftsteller; Geburt der Söhne Bruno, Heiner und Martin — Ende 1907 Umzug in das zweite, selbstgebaute Gaienhofener Domizil - 1905 Unterm Rad - 1907-12 Mitherausgeber der politisch-literarischen Zeitschrift März - 1907 Diesseits (Erzählungen) - 1908 Nachbarn (Erzählungen) — 1910 Gertrud - 1911 Unterwegs (Gedichte) - 1911 Indien-Reise (Aus Indien, 1913) - 1912-1919 in Bern - 1915-19 Tätigkeit in der Deutschen Gefangenenfürsorge Bern, Redakteur zweier Kriegsgefangenen-Zeitschriften, Beschimpfung als »vaterlandsloser Gesell«; Erkrankung Mias; Tod des Vaters - 1914 Rosshalde - 1915 Knulp - 1919 Übersiedlung nach Montagnola (Tessin) ohne die Familie in die Casa Camuzzi - 1919 Demian - 1919 Fontane-Preis (als Emil Sinclair) - 1920 Klingsors letzter Sommer - 1922 Siddhartha - Scheidung von Maria Bernoulli - Schweizer Bürgerrecht; Heirat mit Ruth Wenger - 1926 Aufnahme in die Preussische Akademie der Künste (Austritt 1930 aus Protest gegen den aufstrebenden Nationalsozialismus) - 1927 Zum 50. Geburtstag 1. Hesse-Biografie (von Hugo Ball); Scheidung von Ruth Wenger - 1927 Der Steppenwolf - 1930 Narziss und Goldmund - 1931 Heirat mit Ninon Dolbin. Einzug in die Casa Rossa in Montagnola - 1943 Das Glasperlenspiel - 1946 Frankfurter Goethe-Preis; Nobelpreis für Literatur - 1954 Aufnahme in die Friedensklasse des Ordens Pour le Mérite - 1955 Friedenspreis des Deutschen Buchhandels - 1962 Hesse stirbt am 9.8. in der Casa Rossa.

IDYLLE IM NEBEL
Hermann Hesse zog 1904 nach Gaienhofen, weil er hier »ein ländliches, einfach-aufrichtiges, natürliches, unstädtisches und unmodisches Leben zu führen« hoffte. Beeinflusst wurde diese Entscheidung durch die Ideen der zivilisationskritischen Lebensreform-Bewegung, die gegen Industrialisierung und anonymisierende Grossstadt-Erfahrung das Landleben neu entdeckte.
Gaienhofen, das damals 300 Einwohner zählte, schien dafür bestens geeignet. Es hatte keine bequeme Verkehrsanbindung, keine Wasserversorgung und war nicht ans Stromnetz angeschlossen; bis auf einen Bäcker gab es auch keine Einkaufsmöglichkeiten. Mit seiner Frau Maria bezog Hesse wenige Tage nach beider Hochzeit das neben Schule und Kapelle gelegene Bauernhaus am Dorfplatz. Bereits in seinem zweiten Jahr in Gaienhofen entstand das Gedicht „Im Nebel“, das zu Hesses bekanntesten zählt. Angeregt von einer alltäglichen Naturerscheinung am See, formuliert es eine existentielle Erfahrung, die angesichts der mit der Höri verbundenen Hoffnungen und der gerade geschlossenen Ehe dramatisch anmutet.
IM NEBEL (1905)
Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.
Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.
Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allen ihn trennt.
Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.
DER GELDGEBER
Der Roman Peter Camenzind war Hesses erster grosser Erfolg.
Hesse, der bereits mit 13 Jahren für sich entschied, »Dichter oder gar nichts« sein zu wollen, hatte zuvor nach teils dramatischen Irrwegen und gescheiterten Ausbildungsversuchen den Beruf eines Buchhändlers in Tübingen erlernt und dort seine ersten Gedichte veröffentlicht. Wenig später erschienen auch die ersten Bücher, darunter die Hinterlassenen Schriften und Gedichte von Hermann Lauscher. Der renommierte Verleger Samuel Fischer wurde auf diese zunächst unbeachtete Publikation aufmerksam und bestärkte den jungen Autor: »Es war die erste literarische Anerkennung und Ermunterung in meinem Leben, « Das ermutigte Hesse, den bereits begonnenen Peter Camenzind rasch zu beenden. Bereits im ersten Jahr erhielt das Buch fünf Auflagen und machte seinen Autor schlagartig berühmt. Der finanzielle Ertrag übertraf Hesses Erwartungen bei weitem. Er ermöglichte ihm, zu heiraten und sich in Gaienhofen als freier Schriftsteller niederzulassen. Gegen eine Identifikation mit seiner Hauptfigur wehrte er sich allerdings: »Ich teile nur ungefähr seine Art zu denken und zu leben«.
ZWEI HÄUSER
Sein allererstes Haus konnte Hesse von einem Bauern sehr günstig mieten. Es hatte fünf zugige Stuben, die zudem nicht alle beheizbar waren. Es gab weder elektrisches Licht noch Gas; Wasser musste am nahen Brunnen geholt werden. Die andere Hälfte des Gebäudes, Scheune und Stall, wurde vom Eigentümer weiter landwirtschaftlich genutzt. Neben dem Haus befand sich ein kleiner »Grasfleck« mit wenigen Obstbäumen, Johannisbeersträuchern und Blumen.
Das Leben in dieser schlichten Behausung wurde der jungen Familie insbesondere nach der Geburt des ersten Sohnes Bruno immer beschwerlicher. Durch die sparsame Haushaltung und den schriftstellerischen Erfolg finanziell gut gestellt, konnte Hesse in dieser »bäuerlichen Hütte« 1907 ein geräumiges Wohnhaus planen, das sogar in einer der renommierten deutschen Architekturzeitungen vorgestellt wurde. Das Gebäude am Rande des Dorfes, in das die Familie noch im gleichen Jahr einzog, hatte acht Zimmer, Veranda und Terrasse mit weiter Aussicht, eine eigene Wasserleitung, einen Badeofen und auch den ersehnten grossen Selbstversorger-Garten. Bei aller Stattlichkeit war es einfach und funktional eingerichtet.

MIT FÜSSEN GETRETEN
Im Jahr 1907 liess sich Hesse in Gaienhofen ein eigenes Haus bauen - finanziert aus seinen literarischen Erfolgen und mit einem Darlehen seines Schwiegervaters. Der Architekt war Hans Hindermann aus Steckborn, der am Ort auch die Häuser von Ludwig Finckh und Schneidermeister Köpfler entworfen hatte. Um das Haus herum wurde ein grosser Garten angelegt, der eine weitgehende Selbstversorgung ermöglichen sollte. Um die Gartenwege zu befestigen, machte Hesse aus der Not eine Tugend: »Wir hatten in Gaienhofen Sand die Menge, aber keine Steine, und ich hatte den Weg mit lauter unnützen Büchern und Massen von Zeitschriften unterlegt.« Durch seine wachsende Bekanntheit war Hesse zu einem begehrten Rezensenten geworden, der sehr viel Papier zur Besprechung erhielt. Er aber rezensierte nur, was er auch schätzte und was nach seiner Überzeugung länger Bestand hatte.
POSTAMT UND TURNVEREIN
Mit Hesses wachsender Anerkennung als Schriftsteller stieg auch die Notwendigkeit, mit seinem Verleger Samuel Fischer in Berlin oder Kollegen wie Stefan Zweig korrespondieren zu können. So formulierte er bereits kurz nach seinem Zuzug einen Antrag für eine Poststelle im Dorf, dem vom zuständigen Bezirksamt entsprochen wurde. Eine weitere Initiative zur Entwicklung Gaienhofens, an der sich Hesse beteiligte, war die Gründung des Turnvereins am 1. Mai 1907. Hatte er als Schüler der berühmten Klosterschule in Maulbronn noch an seine Eltern geschrieben, dass man beim Turnen »nicht am Leben bleiben« könne, so spielte die »Körperkraft« - darin seinem Helden Peter Camenzind nicht unähnlich - während der Zeit am See eine nicht zu unterschätzende Rolle: Hesse ruderte, schwamm und kletterte nackt in den Alpen. Das alles zählte zu den Praktiken der Lebensreform, die ein möglichst naturnahes, körperbetontes Leben anstrebte. Mit seinem Engagement trug Hesse einerseits zur Entwicklung des Dorfes bei, untergrub andererseits aber auch das Fundament für seine Entscheidung, hier unter einfachsten Bedingungen leben zu wollen.

Bild: Nudistenfan Hermann Hesse mit Sohn Bruno am Unterseeufer bei Gaienhofen
TRAUM VOM ANFANG
Zu Hermann Hesses Zeit wurde das Wohnhaus von der Rückseite her betreten. Vom Flur aus gelangte man in die beiden Stuben in die Küche und in den Keller, über eine »primitive Brettertreppe ins Obergeschoss. Der Durchgang zu Scheune und Stall war damals wohl versperrt. Die Gestalt der Zimmer hat sich in den 8 Jahren nach dem Auszug der Familie Hesse mehrfach geändert:
Bis 1993 diente das Haus als Wohnraum. Einiges zum Aussehen und zur Funktion der Räume lässt sich aber aus Hesses Texten rekonstruieren. Ausfindig gemacht hatte das Haus seine Frau Maria. Aus Basel stammend, wollte sie in der Nähe ihrer schweizerischen Heimat bleiben und suchte per Inserat eine Wohnung am badischen Teil des Bodensees. Sie liess das Gebäude vom befreundeten Architekten Hans Hindermann, der später Hesses zweites Gaienhofener Haus bauen wird, inspizieren und schloss den Mietvertrag ab. Hesse selbst schrieb währenddessen in Calw an seinem autobiografischen Roman Unterm Rad.
UNTERWEGS ZUM BÜRGER
Die Wohnstube Hesses hatte eine alte Wandverkleidung »von unbemaltem Tannenholz, und neben dem gediegenen Ofen war eine sogenannte Kunst: ein Stück Wand war dort, oberhalb einer rohen Sitzbank, mit grünen alten Kacheln bekleidet, die vom Herdfeuer der Küche her erwärmt wurden.« In dieser »Ofenbehaglichkeit« haben sich die Hoffnungen des Anfangs nach und nach verloren; das neue Leben gestaltete sich hier alles andere als einfach. Die innere Zerrissenheit und Unbehaustheit, die Hesses Jugend geprägt hatte, liess sich auch hier nur selten überwinden. Die Verpflichtungen, die er als Ehemann und nach der Geburt des ersten Sohnes Bruno auch als Familienvater eingehen musste, führten mitunter zu einem »Gefühl der Gefangenschaft«; und sie störten auch seine literarische Kreativität.
Einen Ausweg aus diesem Dilemma boten ihm seine vielen kleinen Fluchten nach München oder in die Schweiz – und auch die Kuren, wie jene radikal vegetarische von 1907 auf dem Monte Verità, über die er schrieb: »Ich hatte den unentbehrlichen instinktiven Glauben an die Willensfreiheit nahezu verloren und genese nun hier langsam und recht wohlig zu einem sanskülotten Urzustande zurück!«

Bild: Hermann Hesses Serviettenring mit seinen Initialen
DIE KOSTEN
Das Haushaltsbuch umfasst die Jahre 1904 bis 1913. Es wurde von Hesse selbst geführt, nicht von seiner tatkräftigen Frau Maria. Hesse verzeichnete darin einerseits Ausgaben für die Dinge, die die Familie im abgelegenen Dorf zum Leben benötigte und die per Boot aus der gegenüberliegenden Schweiz oder mit dem Zug aus Konstanz geholt wurden. Anderes lieferten Händler an - wie etwa den Wein, der vom Nordufer des Bodensees kam.
Auch die Beschaffung von Einrichtungsgegenständen wie dem Schreibtisch wird von Hesse vermerkt. Andererseits listete er aber auch die Auflagen seiner Bücher und die Einnahmen aus seiner schriftstellerischen Tätigkeit auf, mit der er die Existenz seiner Familie sichern musste: »Nun beginnt die Ehe mein Leben vollends zu ändern, indem sie wenigstens dem ewigen Wandern und Zigeunern ein Ende macht«, konstatierte er: »Ich muss regelmässiger arbeiten, um für den Haushalt zu sorgen«.

KEIN BILDERVERBOT
Die Öl-Porträts aus der Gaienhofener Zeit zeigen ein sich wandelndes Selbstverständnis Hesses. 1905 liess er sich von dem befreundeten Künstler Ernst Würtenberger in Zürich malen - nach der gerade gewählten antibürgerlichen Lebensart zwanglos im derben Pullover.
Vier Jahre später sass er in Frankfurt Ottilie Roederstein Modell - seriös und nach gesellschaftlichen Konventionen gekleidet. Dieses Bild schenkte der Dichter seiner Frau Maria. Waren die beiden intimen Porträts eher für private Räume gedacht, so hatte Hesse gegen die Abbildung seiner Person für die Öffentlichkeit erhebliche Vorbehalte.
1907 schrieb er an seinen Verleger Samuel Fischer, der mit der Fotografie seines Erfolgsautors werben wollte: »Das Publikum ist ohnehin so anspruchsvoll gegen seine Lieblinge und sucht sie so zu tyrannisieren, darf man nichts unnötig preisgeben sollte, auch nicht seine Visage.« Seine wachsende Bekanntheit raubte ihm viel Zeit; zudem wollte er auch nicht mit seinen Figuren identifiziert werden. Nur drei Jahre später wird die Fotografin Gret Widmann eine Porträtserie mit Hesse beginnen, die bis heute das Bild des Dichters mitbestimmt.

Bild: Hermann Hesses Brille
Über seine Probleme in der Ehe mit Maria Bernouilli
»Heute ist mein neues Buch herausgekommen. Der Roman hat mir viel zu schaffen gemacht und ist für mich ein, wenigstens einstweiliger, Abschied von dem schwersten Problem, das mich praktisch beschäftigt hat. Denn die unglückliche Ehe, von der das Buch handelt, beruht gar nicht nur auf einer falschen Wahl, sondern tiefer auf dem Problem der Künstlerehe überhaupt, auf der Frage, ob überhaupt ein Künstler oder Denker, ein Mann, der das Leben nicht nur instinktiv leben, sondern vor allem möglichst objektiv betrachten und darstellen will - ob so einer überhaupt zur Ehe fähig sei. Eine Antwort weiss ich da nicht; aber mein Verhältnis dazu ist in dem Buch möglichst präzisiert; es ist darin eine Sache zu Ende geführt, mit der ich im Leben anders fertig zu werden hoffe, und die mir doch überaus wichtig ist.«
An den Vater Johannes Hesse im März 1914
BILDER UND BÜCHER
Als Maler war Hesse in seinen Gaienhofener Jahren allenfall tätig, um hier im Schlafzimmer »das Fachwerk mit roter Farbe zu streichen. In seinen Texten jedoch spielen die bildende wie auch die Ton-Kunst eine wichtige Rolle. So wie Veraguth im Gaienhofen-Roman Rosshalde ist später auch die Hauptfigur der Novelle Klingsors letzter Sommer ein Maler, der als Hesses Alt Ego die Existenz- und Schaffensprobleme des Künstlers aushalten muss. Auch die Ton-Kunst nutzt Hesse, der sich von der hier entstandenen Erzählung Gertrud bis zum letzten Roman Das Glasperlenspiel als Musikkenner zeigt, um die Lebensnöte des Künstlers zu behandeln. Die persönliche Nähe zu Malern und Musikern hatte für Hesse während der Gaienhofener Jahre einen grösseren Reiz als die eigene Praxis in diesen Künsten. Er verkehrte im Künstlerkreis seines Freundes Hans Sturzenegger im nahen Schaffhausen und reiste oft nach München, wo er sich u.a. mit dem bekannten Zeichner Olaf Gulbransson befreundete. Gegenbesuche wie die Gulbranssons, anderer Künstler, Verleger und Schriftsteller machten Gaienhofen zeitweilig zu einem kleinen kulturellen Zentrum am See.
Hesse ist in Gaienhofen ein Gelegenheitsmaler gewesen. War sein Interesse an der bildenden Kunst zuvor in Basel durch Museumsbesuche geweckt worden, so hat er erst nach der Zeit am See ernsthaft mit Pinsel und Farbe gearbeitet: Sein Therapeut hatte ihm das Malen zur Krisenbewältigung empfohlen. Die Jahre auf der Höri indes waren durch Bekanntschaften mit Künstlern bestimmt, auch weil Hesse sehr viel an der schönen Ausstattung seiner Bücher lag. So entwarf der vielseitig begabte Otto Blümel, mit dem der Dichter lebenslang befreundet blieb, den Einband für den Roman Gertrud und den Innentitel für die Gedichtauswahl Unterwegs.
Zu Hesses Künstlerfreunden der Gaienhofener Zeit zählten ebenso Max Bucherer und Albert Welti. Unter Bucherers Holzschnitten zum Untersee findet sich auch ein sehr persönliches Blatt, gestaltet nach einer Fotografie Hesses mit seinem Sohn Bruno. Für eine posthume Welti-Monografie verfasste Hesse später die Einführung, und das »verwahrloste Aristokratengütchen« Weltis in Bern, das die Familie Hesse nach dem Abschied vom Bodensee bewohnte, hielt er im Aquarell fest.

Bild: Hermann Hesses Malkasten in Montagnola / Tessin
TÖNE UND TEXTE
Zu seinem 9. Geburtstag bekam Hesse von seinen Eltern eine Geige geschenkt, »und von diesem Tage an«, erinnerte er sich, »hatte ich ein Abseits, eine innere Heimat, eine Zuflucht«. In Gaienhofen musizierte eher seine Frau Mia. Hesse selbst pflegte hier produktive Beziehungen zu Musikern - unter ihnen Alfred Schlenker, eigentlich sein Zahnarzt, der aber auch glänzend Klavier spielte und komponierte. Für dessen Oper Die Flüchtlinge schrieb Hesse das Libretto: »hingeworfen mit einer ahnungslosen Frechheit, wie man sie nur in der sorglosen Jugend und in der anregenden Luft einer lebhaften Freundschaft besitzt«. Durch Schlenker lernte Hesse den Komponisten Othmar Schoeck kennen, der bereits einige seiner Gedichte vertont hatte; insgesamt sollten es 23 werden.
Obgleich Hesse gegenüber Vertonungen eher skeptisch war, fand er bei ihm »nirgends das leiseste Missverständnis des Textes«.
Schoeck wurde am Ende der Gaienhofener Jahre zu jenem »musikalischen Freund«, den Hesse lange vermisst hatte und von dem er sich »Musikwerke aller Art rekapitulierend, kürzend und gelegentlich erläuternd« vorführen lassen konnte. 1911 wanderten die Freunde durch Italien.

EIN TISCH FÜRS LEBEN
Ein ganz besonderer Schreibtisch - Massanfertigung für Herrmann Hesse
Hesses Schreibtisch wurde drei Wochen nach seinem Einzug im Sommer 1904 in seinem Schreibzimmer in Gaienhofen aufgestellt. Im Frühjahr hatte er bei dem Münchner Maler und Architekten Hermann Haas ein ähnliches Möbel gesehen und ihn um ebenso einen »schlichten, rohen Schreibtisch« gebeten: »Denn eine komfortable Studierzimmereinrichtung ... kann ich jedenfalls doch erst in einigen Jahren mir leisten. Einstweilen richte ich mich praktisch und billigst ein.« Das schrieb Hesse, kurz bevor sich der schriftstellerische Erfolg einstellte. Der Schreibtisch kostete ihn allerdings fast ebenso viel wie eine Jahresmiete für sein erstes Haus. Er begleitete ihn dann in sein zweites Gaienhofener Domizil, in sein Berner Arbeitszimmer und auch nach Montagnola. Für sein zum grossen Teil an diesem Tisch entstandenes Werk wurde er 1946 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Im Jahr 1995 kehrte der Tisch als Leihgabe des Schweizerischen Literaturarchivs Bern an seinen ursprünglichen Platz zurück.
„Den Schreibtisch (falls Sie nicht auf meine Karte hin schon nach Basel gesandt) bitte ich Sie also in München machen zu lassen, so dass ich ihn Anfang oder Mitte August mir senden lassen kann. Ich habe den Tisch gern etwa 80 cm hoch, jedenfalls nicht weniger, Höhe vom Boden bis zur Mittelschublade (Kniehöhe) = 61 bis 62 cm. Die Seitenschiebladen denke ich mir so:
Diese oberste Lade links hätte ich gern (wenn es leicht einzurichten ist) extra verschliessbar, mit kleinem einfachem Schlösschen, für Geld u.s. w., die andern Laden mit Griffen oder lieber so: zum Herausziehen.
Da ich fast alle Laden für Papier, Briefe, Manuskripte u.s.w. benützen werde, kommt es auf die Höhe der einzelnen Lade nicht genau an.
Im übrigen alle Masse (Länge und Breite der Tischplatte) wie bei Ihrem grossen Tisch. Es liegt mir namentlich daran, dass die Tischplatte schön solid, glatt und eben ist, sich nicht etwa wirft, zieht u.s.w. Dass das ganze solid und stark gebaut wird, dafür werden Sie ja sorgen.“
An Hermann Haas am 2. Juni 1904

HERRLICHE TROPHÄEN - Schreibmaschine und Gänsekielfeder
„Übrigens ist mir die Maschine eine ganz unschätzbare Hilfe, welchemir alles sehr erleichtert...Ich kann also zum Kauf einer Maschine nur raten. Die meine ist eine amerikanische, überaus gut und bequem, mit fünf Jahren Garantie. Sie heisst "Smith Premier Nr. 4" und kostet allerdings neu 500 Mark (ich bekam sie fast neu für 420). Ausser Kleinigkeiten (wie dass man z.B. rot, blau, schwarz schreiben kann) hat sie den Hauptvorzug, dass auch die grossen Buchstaben eine Klaviatur haben, es gibt kein Umschalten, und man kann stets mit allen zehn Fingern arbeiten.“
An Otto Kimmig am 11. März 1908
„Ich bin der einzige in Gaienhofen, der maschineschreiben kann, und fingere jeden Tag recht viel.“ Hesse kaufte die Schreibmaschine 1908 in Konstanz und gab dafür dreimal so viel aus wie für den Schreibtisch. Dass Arbeitsgeräte verehrter Dichter rasch zu Reliquien werden können, fasste Hesse Jahre später aus Anlass seiner Aufnahme in die Preussische Akademie der Künste in ironische Verse: „Unter andern herrlichen Trophäen / In des Volksmuseums Heiligtum / Sieht man seine Schreibmaschine stehen, / Sonntags viel bestaunt vom Publikum.« Hesse selbst hatte aber auch seine Fetische, unter anderem »eine stark abgenützte Gänsekielfeder, die der selige Eduard Mörike mit seiner leichten, geschickten Hand geschnitzt, gespalten und zum Schreiben benützt hat«. Mörike, der viel Zeit für Federschnitzeln, Schönschreibkünste ... und sonstigen Allotria vergeudet hat«, »hätte sich niemals eine Schreibmaschine gekauft«.“
